Tomatenpulver selber machen: die ganze Schwemme in ein Glas
Aus überreifen und rissigen Tomaten wird konzentriertes Aroma: So dörrst und mahlst du deine Tomatenschwemme zu Tomatenpulver — und so verwendest du es.

Es gibt diese eine Woche im Spätsommer, in der alle Tomaten gleichzeitig rot werden. Die Pflanzen kippen unter der Last, an den Früchten platzen die ersten Schalen auf, und in der Küche stapeln sich mehr Tomaten, als du in Salaten, Saucen und Broten unterbringen kannst. Ein Teil wird weich, bevor du hinterherkommst.
Genau für diesen Moment ist Tomatenpulver gemacht. Du trocknest die Früchte, bis fast alles Wasser weg ist, und mahlst sie zu feinem Staub — aus einer chaotischen Kiste überreifer, teils rissiger Tomaten wird ein kleines Glas mit konzentriertem Aroma, das monatelang hält und in fast jedes herzhafte Gericht passt. Kein Einkochen, kein Zucker, kaum Platz im Schrank.
Tomaten bestehen zu rund 94 Prozent aus Wasser, und dieses Wasser trägt kaum Geschmack. Entfernst du es, bleibt alles zurück, was Tomate ausmacht: Fruchtzucker, Fruchtsäure und vor allem die natürlichen Glutamate, die für den herzhaften Umami-Ton sorgen. Aus einem Kilo frischer Ware wird nur eine kleine Handvoll Pulver — die Menge schrumpft grob auf ein Zwanzigstel. Genau das ist der Punkt: Du lagerst nicht das Wasser, sondern nur den Geschmack.
Zutaten für rund 100 g Tomatenpulver
- 2 kg reife Tomaten (gern rissige und überreife — nur nichts Fauliges oder Schimmeliges)
- 1 TL Salz (optional, nur wenn du direkt ein Tomaten-Würzsalz willst)
Für pures Pulver, das flexibel bleibt, lässt du das Salz weg und salzt später beim Kochen.
Du brauchst außerdem
- scharfes Messer und Schneidebrett
- Dörrgerät mit mehreren Etagen oder Backofen mit Umluft und ein Holzlöffel
- elektrische Gewürz- oder Kaffeemühle (alternativ Standmixer oder Blitzhacker)
- feines Sieb
- 2 kleine luftdichte Schraub- oder Bügelgläser
Eine ausgediente, nur für Gewürze reservierte Kaffeemühle mahlt am feinsten. Ein Standmixer funktioniert auch, wird aber etwas gröber.
Zubereitung

- Vorbereiten: Tomaten waschen, Stielansatz entfernen und braune Druckstellen großzügig wegschneiden. Der Rest der Frucht wandert aufs Gitter, auch wenn sie aufgeplatzt oder weich ist.
- Schneiden: In 3 bis 4 Millimeter dünne Scheiben schneiden, kleine Tomaten halbieren oder vierteln. Gleichmäßige Dicke ist wichtiger als Schönheit — dünne Scheiben verbrennen sonst neben den dicken. Sehr saftige Sorten kurz auf Küchenpapier abtropfen lassen.
- Auflegen: Die Scheiben einzeln und ohne Berührung auf die Dörrgitter oder ein mit Backpapier belegtes Blech legen. Sie brauchen Luft von allen Seiten, sonst kleben sie und trocknen ungleichmäßig.
- Trocknen: Im Dörrgerät 50 bis 60 Grad und je nach Dicke 8 bis 12 Stunden. Im Backofen die niedrigste Stufe, meist 50 bis 70 Grad mit Umluft, und die Tür mit dem Griff eines Holzlöffels einen Spalt aufklemmen, damit die Feuchtigkeit entweicht. Steht die Tür zu, gart die Tomate im eigenen Dampf statt zu trocknen. Rechne mit 6 bis 10 Stunden und dreh die Bleche zwischendurch.
- Fertigkeitstest: Eine Scheibe muss beim Biegen glasig brechen oder rascheln. Fühlt sie sich noch ledrig, weich oder klebrig an, ist Restfeuchte drin — und die reicht, damit das Pulver später klumpt und schimmelt. Einzelne Scheiben, die schneller fertig sind, früher herausnehmen und den Rest zurück in die Wärme geben.
- Auskühlen lassen: Das Trockengut vollständig abkühlen lassen, bevor du mahlst. Noch warme Scheiben geben beim Zerkleinern Restwärme als Kondenswasser ab, und du hast statt Pulver eine feuchte Paste. Im Zweifel die Scheiben ein bis zwei Tage offen stehen lassen; brechen sie dann noch knackig, kannst du mahlen.
- Mahlen: Portionsweise in die Mühle geben und zu feinem Staub mahlen. Beim Öffnen kurz Abstand halten — der feine Staub steigt auf und reizt in der Nase.
- Sieben: Das Pulver durch ein feines Sieb streichen. Was durchfällt, ist fertig; die groben Stücke im Sieb gehen zurück in die Mühle. So bekommst du eine gleichmäßige Konsistenz ohne harte Splitter.
- Abfüllen: Erst wenn das Pulver kalt und trocken ist, in kleine luftdichte Gläser füllen und mit Datum beschriften.
Haltbarkeit & Aufbewahrung
Der einzige Feind von Tomatenpulver ist Feuchtigkeit. Fülle es nur in wirklich luftdichte Gläser — kleine Gefäße sind besser als ein großes, weil du sie seltener öffnest und weniger Luftfeuchte hineinlässt. An einem dunklen, kühlen und trockenen Ort, also im Vorratsschrank und nicht neben dem Herd, hält sich das Pulver mühelos mehrere Monate und damit über den ganzen Winter. Wenn du auf Nummer sicher gehen willst, gib ein trockenes Reiskorn-Säckchen oder einen Lebensmittel-Trockenbeutel ins Glas; das bindet Restfeuchte und hält das Pulver rieselfähig.
Für sehr lange Lagerung vakuumierst du das Pulver und legst es ins Gefrierfach — so bleibt es praktisch unbegrenzt frisch und farbstabil. Sollte es trotzdem einmal zu einem festen Klumpen werden, ist meist Feuchtigkeit eingedrungen: Solange es nur klumpt und nicht muffig riecht oder schimmelt, kannst du es zerdrücken und rasch aufbrauchen.
Varianten & Tipps
Farbe und Geschmack hängen davon ab, wie warm du trocknest. Bei niedriger Temperatur bleibt das Pulver leuchtend rot und schmeckt frisch-fruchtig. Trocknest du heißer, karamellisiert der Fruchtzucker leicht, das Pulver wird dunkler und schmeckt tiefer, fast süßlich-röstig. Beides ist richtig — es kommt darauf an, was du später damit kochst.
Für ein Tomaten-Würzsalz gibst du beim Mahlen etwa einen Teelöffel grobes Salz pro 100 Gramm Trockengut mit in die Mühle. Wer es rauchig mag, mischt noch einen halben Teelöffel Rauchpaprika unter. Und wenn dir das Mahlen zu fein wird: Brich einen Teil der Scheiben nur grob und bewahre ihn als Tomatenflocken auf, die sich gut über Brot oder Pasta streuen lassen.
So verwendest du das Pulver
Tomatenpulver ist keine Notlösung, sondern eine echte Zutat:
- Tomatenmark im Handumdrehen: Pulver mit wenig warmem Wasser zu einer Paste anrühren. Etwas mehr Wasser, ein Schuss Öl, Salz und Kräuter — fertig ist eine schnelle Tomatensauce.
- Suppen und Eintöpfe bekommen mit einem Teelöffel Tiefe und Farbe, ohne wässrig zu werden. Ideal auch für Risotto, Gulasch oder Linsen.
- Blasse Wintertomaten aufpeppen: Ein Hauch Pulver über einen faden Tomatensalat oder eine Bruschetta bringt das Sommeraroma zurück.
- Dressings und Vinaigrettes werden fruchtig-herzhaft mit einer Prise.
- Tomaten-Aioli: Ein Löffel Pulver in Mayonnaise oder Aioli gerührt ergibt einen rosaroten Dip für Gegrilltes, Pommes oder Brot.
- Grillrub: Mit Salz, Rauchpaprika, Knoblauchgranulat und braunem Zucker verrührt, würzt das Pulver Gemüse, Tofu oder Fleisch vom Rost.
- Pizza- und Nudelsauce: als Basis oder zum Nachwürzen, wenn eine gekaufte Sauce zu lasch schmeckt.
Und für alles dazwischen: Streu es über Rührei, ins Popcorn, in den Brotteig oder an den Rand eines herzhaften Cocktails.
Woher die Tomaten?
Grundsätzlich lässt sich jede Tomate zu Pulver verarbeiten, aber je fleischiger und kernärmer die Frucht, desto schneller trocknet sie und desto mehr Pulver bleibt übrig. Wässrige Sorten mit vielen Kammern und viel Gallert verlieren fast alles aufs Blech. Ideal sind die klassischen Sauce- und Fleischtomaten: 'San Marzano' und 'Roma' mit ihrem dichten Fruchtfleisch, große Ochsenherztomaten, die kaum Kerne haben. Cocktail- und Datteltomaten eignen sich auch gut, du musst sie nur halbieren.
Der eigentliche Reiz liegt aber woanders: Für Pulver brauchst du keine makellose Ware. Aufgeplatzte, überreife oder leicht gedrückte Früchte, die niemand mehr im Salat sehen will, sind hier goldrichtig — solange sie nicht faulig oder schimmelig sind. So rettest du genau den Teil der Ernte, der sonst auf dem Kompost landet, und machst aus der Schwemme ein Glas, das bis zum Frühjahr würzt.