Zimmerpflanzen

Weihnachtskaktus vermehren: aus drei Triebgliedern wird eine neue Pflanze

Weihnachtskaktus vermehren: Triebglieder abdrehen, antrocknen lassen, in Wasser oder Substrat bewurzeln — und woher du den echten Schlumbergera buckleyi bekomms

AVon AlexZuletzt aktualisiert: 3. Oktober 202610 Min Lesezeit
Weihnachtskaktus vermehren: aus drei Triebgliedern wird eine neue Pflanze

Weihnachtskakteen sind Erbstücke. Fast jede dieser mächtigen, überhängenden Pflanzen, die im Dezember hunderte Blüten öffnet, stammt von einer anderen Pflanze ab, die irgendwann jemand verschenkt hat. Gekauft hat die kaum jemand — jedenfalls nicht in dieser Größe und nicht in dieser Sorte.

Das hat einen Grund, und er ist auch die beste Nachricht dieses Artikels: Schlumbergera lässt sich so einfach vermehren wie fast keine andere Zimmerpflanze. Du brauchst kein Anzuchthaus, keine Wurzelhormone und keine besondere Hand. Drei Triebglieder, ein Glas Wasser oder ein Topf Anzuchterde, und in vier Wochen hast du eine eigene Pflanze.

Warum du den echten Weihnachtskaktus kaum zu kaufen bekommst

Zwei Schlumbergera-Triebglieder im Vergleich: links rundlich gekerbte Ränder, rechts spitz gezähnte Ränder.
Rund gekerbt ist der echte Weihnachtskaktus, spitz gezähnt der Thanksgiving-Kaktus

Was im Gartencenter ab Oktober als "Weihnachtskaktus" auf dem Tisch steht, ist fast immer Schlumbergera truncata, der Thanksgiving-Kaktus. Der echte Weihnachtskaktus ist Schlumbergera × buckleyi, eine ältere Kreuzung — und die wird kommerziell praktisch nicht mehr produziert.

Die Logik dahinter ist reine Verkaufslogik: truncata blüht von Natur aus früher, zuverlässiger und in mehr Farben. Sie steht im November knospig im Regal, also genau dann, wenn Menschen Weihnachtsdeko kaufen. Buckleyi blüht später — oft erst um die Feiertage herum oder danach — und ein Topf ohne Knospen verkauft sich nicht. Also wurde sie aus dem Handel verdrängt, nicht weil sie schlechter wäre, sondern weil sie zur falschen Zeit blüht.

Unterscheiden kannst du die beiden am Triebglied, und das ist in zwei Sekunden erledigt: Buckleyi hat rundlich gekerbte Ränder ohne Spitzen, truncata hat deutlich spitze, zahnartige Zacken. Dazu kommen Unterschiede in Blütenhaltung und Pollenfarbe. Wenn du es genauer wissen willst — auch zum dritten Doppelgänger, dem Osterkaktus — steht das ausführlich bei den 8 Dingen, die kaum jemand über den Weihnachtskaktus weiß.

Für die Vermehrung macht das keinen Unterschied: Beide Arten lassen sich identisch über Triebglieder vermehren. Es ist nur gut zu wissen, was du da eigentlich in der Hand hast — und warum du den echten buckleyi nur über Stecklinge bekommst.

Woher du Triebglieder bekommst — und wie sie den Versand überleben

Ältere Hände reichen ein in feuchtes Papier gewickeltes Bündel Weihnachtskaktus-Stecklinge über einen Küchentisch, im Hintergrund eine große blühende Pflanze.
Die besten Pflanzen kommen nicht aus dem Gartencenter, sondern von Fensterbänken

Der kürzeste Weg führt über Menschen, nicht über Händler. Frag in dieser Reihenfolge:

  • Im eigenen Umfeld. Großeltern, Nachbarn, Kolleginnen, der Verein. Eine alte, gut gewachsene Pflanze verträgt die Abgabe von fünf Triebgliedern problemlos — sie verzweigt danach sogar besser.
  • Pflanzentauschbörsen und Pflanzenflohmärkte. Viele botanische Gärten und Volkshochschulen veranstalten im Frühjahr Tauschbörsen; dort liegen Stecklinge oft kostenlos auf dem Tisch.
  • Kleinanzeigen und Tauschgruppen in sozialen Netzwerken. Hier findest du auch gezielt buckleyi, weil Sammlerinnen die Art bewusst erhalten.
  • Botanische Gärten und Gärtnereien mit Sukkulenten-Schwerpunkt. Nicht die Gartencenter-Kette, sondern die kleinen Spezialbetriebe — die haben oft alte Bestände.

Beim Fragen gilt: Bitte um vier bis sechs Triebglied-Ketten mit je mindestens drei Gliedern. Mehr als eine Pflanze pro Topf wird später ohnehin gebraucht, und einzelne Stecklinge fallen immer mal aus.

Für den Transport wickelt man die Stecklinge in feuchtes Küchenpapier und steckt sie in eine Tüte oder Dose. So halten sie ein paar Tage aus, ohne schlapp zu werden.

Wenn du Stecklinge per Post bestellst — bei Kleinanzeigen oder Pflanzenshops — achte auf drei Dinge. Erstens: Verschick-Zeitpunkt. Frühling und Frühsommer sind ideal. Im Winter unter etwa 5 Grad erfrieren Stecklinge im Paketzentrum, da braucht die Sendung ein Wärmekissen; bei Hochsommerhitze kochen sie in der Packstation. Zweitens: lies die Beschreibung genau. Verkäuferinnen zeigen gern Fotos der blühenden Mutterpflanze, verschicken aber nur Triebglieder — das ist in Ordnung, solange es klar dasteht. Und prüfe am Foto selbst, ob die Ränder gekerbt oder gezackt sind, wenn du gezielt buckleyi willst. Drittens: Nähe schlägt Bewertung. Ein Versand aus der Nachbarregion ist zwei Tage kürzer unterwegs als einer aus dem Ausland, und jeder Tag im Paket kostet Substanz.

Wenn das Paket ankommt, packe es sofort aus und schau dir die Stecklinge an: Schimmelflecken, matschige Stellen oder völlig eingetrocknete, papierdünne Glieder sind Reklamationsgründe — fotografiere sie, bevor du etwas unternimmst. Gesunde Stecklinge legst du für ein paar Stunden auf trockenes Papier, bevor es weitergeht.

Der richtige Zeitpunkt

Weihnachtskaktus ohne Blüten im Tontopf am Fenster, an den Triebspitzen sind hellgrüne Neutriebe zu sehen.
Frühsommer, kein Knospenansatz, frischer Neutrieb — der ideale Moment

Vermehrt wird im Frühjahr und Frühsommer, nach der Blüte und vor der Knospenbildung. In dieser Phase steckt die Pflanze ihre Energie in Neutrieb, und genau diese Wachstumsbereitschaft brauchen die Stecklinge zum Bewurzeln. Mai bis Juli ist das Fenster.

Was du vermeiden solltest: Stecklinge im Herbst zu nehmen. Ab etwa September läuft bei der Mutterpflanze die Knospenbildung an, ausgelöst durch kürzere Tage und kühlere Nächte — ein Eingriff kostet dann Blüten, und die Stecklinge selbst wollen in dieser Phase keine Wurzeln bilden, sondern blühen. Was im Herbst stattdessen zu tun ist, damit die Pflanze überhaupt Knospen ansetzt, steht beim Weihnachtskaktus zum Blühen bringen.

Wenn dir jemand im Dezember Stecklinge schenkt, nimm sie trotzdem. Sie halten in feuchtem Papier wochenlang durch oder bewurzeln eben langsamer. Nur planen würde ich es nicht so.

Triebglieder abdrehen, nicht schneiden

Zwei Finger drehen das dritte Triebglied eines Weihnachtskaktus an der Gelenkstelle ab, die Trennstelle ist deutlich zu sehen.
An der Einschnürung abdrehen — ein Messer macht die Wunde nur größer

Die Triebe der Schlumbergera sind aus einzelnen, flachen Gliedern aufgebaut, die an einer schmalen Einschnürung zusammenhängen. Diese Gelenkstelle ist die natürliche Trennlinie — und deshalb brauchst du kein Messer.

Nimm das Triebende zwischen zwei Finger, fasse das dritte oder vierte Glied von der Spitze aus und dreh es mit einer kurzen Bewegung ab. Es löst sich an der Einschnürung, sauber und mit minimaler Wundfläche. Ein Schnitt mitten durch ein Glied hinterlässt dagegen eine große, nasse Wunde, die viel leichter fault.

Zwei bis drei Glieder pro Steckling sind das Optimum. Ein einzelnes Glied bewurzelt auch, braucht aber länger und hat weniger Reserven. Mehr als vier Glieder sind unnötig schwer für die jungen Wurzeln, und die Pflanze kippt im Topf.

Nimm Glieder, die dunkelgrün und ausgereift sind, nicht die hellen, weichen Neutriebe von letzter Woche — die haben zu wenig Substanz. Und nimm sie von verschiedenen Trieben verteilt, dann sieht die Mutterpflanze hinterher nicht gerupft aus.

Dann kommt der Schritt, den die meisten überspringen: Antrocknen lassen. Leg die Stecklinge an einen schattigen, luftigen Ort — ein paar Stunden genügen, ein bis zwei Tage sind noch besser. Die Trennstelle verkorkt, und damit schließt du das wichtigste Einfallstor für Fäulnis. Nass eingesteckte Schlumbergera-Stecklinge sind der häufigste Grund, warum diese ansonsten simple Vermehrung schiefgeht.

Bewurzeln im Wasserglas

Drei Weihnachtskaktus-Stecklinge in einem Wasserglas am Fenster, nur das unterste Glied steht im Wasser, feine weiße Wurzeln sind sichtbar.
Nur das unterste Glied ins Wasser — tiefer heißt faulen

Der Weg, bei dem du zusehen kannst — und der für Ungeduldige der befriedigendere ist.

Stell die angetrockneten Stecklinge so in ein Glas, dass nur das unterste Glied im Wasser steht, maximal einen Zentimeter tief. Tiefer heißt faulen: Schlumbergera stammt aus den Küstenregenwäldern Brasiliens, wo sie als Aufsitzerpflanze in Astgabeln und Baumspalten wächst — Dauernässe am Trieb kennt sie nicht.

Dann ans helle Fenster ohne direkte Mittagssonne. Ost- oder Nordfenster passen gut. Wechsle das Wasser einmal pro Woche; abgestandenes Wasser ist die zweite häufige Fehlerquelle. Nimm weiches, kalkarmes Wasser, am besten abgestandenes Regenwasser — Schlumbergera ist kalkempfindlich.

Nach zwei bis drei Wochen siehst du weiße Wurzeln. Sobald sie zwei bis drei Zentimeter lang sind, wird eingetopft. Länger warten bringt nichts: Wasserwurzeln sind anders gebaut als Erdwurzeln, und je länger sie werden, desto mehr Umstellung kostet der Wechsel ins Substrat.

Bewurzeln im Substrat — der robustere Weg

Vier Weihnachtskaktus-Stecklinge stehen aufrecht in feuchtem Kokos-Anzuchtsubstrat in einem Tontopf, darüber eine beschlagene Klarsichthaube.
Haube drüber, aber nicht luftdicht — Schlumbergera verzeiht Nässe schlechter als Trockenheit

Etwas weniger spektakulär, dafür mit kräftigeren Wurzeln, weil sich die Pflanze den Umzug erspart.

Nimm ein mageres, durchlässiges Substrat: Anzucht- oder Kräutererde, Kokosfaser oder Kokoserde, bei Bedarf mit einem Drittel Sand oder feinem Blähton gemischt. Gewöhnliche Blumenerde ist zu nahrhaft und hält zu viel Wasser. Gieße das Substrat einmal durch und lass es gut abtropfen — es soll gleichmäßig feucht, nicht nass sein.

Steck die Stecklinge etwa drei Zentimeter tief, also bis knapp über die Schulter des untersten Glieds, und so, dass sie von allein stehen. Mehrere Stecklinge in einen Topf ergeben später eine buschigere Pflanze; zwei Stück Rücken an Rücken ist ein bewährter Trick.

Dann eine durchsichtige Haube darüber — eine Tüte über zwei Holzstäbchen, ein abgeschnittener Flaschenboden, eine Anzuchthaube. Wichtig: nicht luftdicht. Einmal am Tag kurz lüften, sonst schimmelt es.

Die Bedingungen: hell ohne direkte Sonne und 22 bis 28 Grad. Unter 20 Grad dauert es deutlich länger, über 30 wird es kritisch. Ein Zimmergewächshaus auf der Fensterbank im Juni trifft das von allein. Gieße mit kalkfreiem Wasser, immer wenn die Oberfläche antrocknet.

Nach etwa vier Wochen sollten die ersten Wurzeln da sein. Prüfen kannst du es, ohne zu graben: Zieh ganz leicht am Steckling. Spürst du Widerstand, hält er sich fest — dann sitzt er. Gibt er nach, lass ihm noch zwei Wochen.

Eintopfen: Substrat, Topfgröße, Gruppe

Hände topfen bewurzelte Weihnachtskaktus-Stecklinge in einen Tontopf mit grobem Gemisch aus Kakteenerde und Pinienrinde ein.
Grob und durchlässig statt fein und nahrhaft — der Topf darf eng sein

Jetzt bekommen die bewurzelten Stecklinge ihr Dauerquartier. Das Substrat ist das Entscheidende, und es ist gröber, als die meisten erwarten: zwei Drittel Kakteen- oder Sukkulentenerde, ein Drittel groberes Material — Pinienrinde in kleiner Körnung, Orchideensubstrat oder Blähton. Dieses Gemisch bildet Luftporen, und genau die braucht eine Pflanze, die in der Natur auf Bäumen sitzt.

Der Topf darf klein sein: 12 bis 15 Zentimeter Durchmesser für vier bis sechs Stecklinge, mit Abflussloch. Schlumbergera blüht in engen Töpfen besser als in großen, und zu viel Erdvolumen bleibt zu lange nass. Tontöpfe sind Plastik vorzuziehen, weil sie Feuchtigkeit über die Wand abgeben.

Setze die Stecklinge mit einem Löffelstiel oder Pflanzholz in vorgebohrte Löcher, eher zur Topfmitte hin gruppiert und ohne dass sich die Glieder überlappen. Dann einmal kräftig durchgießen und vollständig ablaufen lassen — kein Wasser im Untersetzer stehen lassen. Danach an einen hellen Platz ohne direkte Sonne.

Das erste Jahr: füttern, Knospen abknipsen, warten

Junger, verzweigter Weihnachtskaktus im Tontopf, eine winzige Knospe wird zwischen zwei Fingern abgeknipst.
Die erste Knospe abknipsen tut weh — zahlt sich im zweiten Jahr doppelt aus

Vier Wochen nach dem Eintopfen fängst du an zu düngen — vorher nicht, die frischen Wurzeln verbrennen sonst. Ein Kakteendünger oder Blühpflanzendünger in halber Konzentration, alle zwei bis drei Wochen während der Wachstumsphase von Frühjahr bis Spätsommer. Ab September wird nicht mehr gedüngt.

Und dann kommt der Rat, der sich falsch anfühlt und richtig ist: Knipse die ersten Knospen ab. Junge Pflanzen setzen im ersten Herbst manchmal schon zwei oder drei Blüten an. Blühen kostet enorm viel Energie, und eine Pflanze, die mit drei Triebgliedern und ein paar Wurzeln in die Blüte geht, steckt diese Kraft nicht in Verzweigung. Nimmst du die Knospen raus, treibt sie stattdessen an den Spitzen weiter und baut die Basis für die Jahre danach.

Rechne damit, dass das erste Jahr unspektakulär aussieht: ein paar neue Glieder, kaum Blüten. Nach etwa einem Jahr ist aus dem Steckling eine stabile Pflanze geworden, die im zweiten Herbst richtig ansetzt. Ab dann gewinnt sie jedes Jahr dazu — und diese Pflanzen werden alt. Die mächtigen Exemplare auf den Fensterbänken, von denen dieser Artikel ausgeht, sind oft dreißig oder vierzig Jahre dabei.

Deshalb der letzte Gedanke: Vermehre ruhig mehr, als du selbst brauchst. Eine Schlumbergera, die man weitergibt, ist ein Geschenk mit Halbwertszeit von Jahrzehnten — und genau so sind diese Pflanzen überhaupt durch die Generationen gekommen.