Wenn du im Spätsommer durch deinen Garten gehst und plötzlich denkst „ich könnte mir doch eigentlich auch meinen Reisigbesen selber binden“ — dann brauchst du genau zwei Dinge: Geduld und Besenmais. Die Pflanze sieht aus wie Mais, ist aber eine Hirse, und sie wächst auch in mitteldeutschen Gärten zuverlässig, wenn du den Aussaattermin nicht verschläfst.
Was Besenmais botanisch ist
Besenmais ist Sorghum bicolor var. technicum, also eine technische Varietät der Mohrenhirse — verwandt mit Zuckerhirse und Körnerhirse, aber bewusst gezüchtet auf lange, biegsame Rispenäste statt auf Korn. Die Pflanze ähnelt dem Mais im Wuchs, hat aber schmalere Blätter und keine Maiskolben, sondern eine luftige Rispe wie eine Übergröße Pampasgras am Spitzentrieb. Sie wurde wahrscheinlich in Afrika domestiziert, kam im Mittelalter als Besenrohstoff nach Europa und ist heute in Süd- und Mitteleuropa eher selten geworden, weil industrielle Plastik- und Kunststoffborsten den klassischen Reisigbesen verdrängt haben.

Für den Hausgarten interessant macht ihn dreierlei: er gedeiht auf mageren Böden, kommt mit Trockenheit besser klar als Mais, und du erntest nicht nur den Rohstoff für einen handgebundenen Besen, sondern auch dekorative Rispen für Sträuße und Kränze.
Standort und Boden
Besenmais will volle Sonne — mindestens sechs Stunden direkt. Im Halbschatten bleibt er kümmerlich, die Rispen werden weich und biegsam genug fürs Stillleben, aber zu labbrig für einen funktionierenden Besen. Den Boden mag er locker, tiefgründig und mit Kompost angereichert, ähnlich wie Mais; auf schweren, staunassen Lagen verkrüppeln die Wurzeln und die Pflanzen kippen im ersten Sommergewitter um.

Frische Mistgabe ist überflüssig — ein bis zwei Liter reifer Kompost pro Quadratmeter im Frühjahr reichen völlig. Wer zuviel düngt, bekommt riesige Pflanzen mit lang gestreckten, schwachen Rispenästen, die im Wind brechen. Ein pH-Wert zwischen 6 und 7 ist ideal.
Aussaat nach den Eisheiligen
Besenmais ist absolut frostempfindlich. Vor den Eisheiligen Mitte Mai brauchst du gar nicht anfangen — die Saat fault im noch kalten Boden. In milden Lagen (Weinbauklima, Rheinebene, Bodensee) kannst du ab dem 10. Mai direkt säen, in raueren Gegenden wie dem Alpenvorland oder dem Sauerland besser bis Ende Mai warten.

Säe ein bis zwei Zentimeter tief, in Reihen mit 70 Zentimetern Abstand, in der Reihe alle fünf Zentimeter ein Korn. Bei 15 Grad Bodentemperatur keimt Besenmais nach acht bis zwölf Tagen. Wer einen kurzen Sommer hat (Reifezeit 100–110 Tage!), zieht ab Mitte April in der Anzuchtschale auf der Fensterbank vor und pflanzt nach den Eisheiligen aus — dann sind die Pflanzen bei der Auspflanzung zehn bis fünfzehn Zentimeter hoch und reifen sicher bis Oktober ab. Saatgut bekommst du bei Bingenheimer Saatgut, ReinSaat oder Dreschflegel.
Pflege bis zur Blüte
Die ersten vier Wochen wächst Besenmais langsam und sieht aus wie missratener Mais. Lass dich nicht täuschen — sobald die Pflanze kniehoch ist, schießt sie in zwei Wochen auf zwei Meter. In dieser Phase vereinzelst du: lass nur die kräftigsten Sämlinge stehen, mit mindestens 10 cm Abstand in der Reihe. Engere Stände bringen zwar mehr Rispen, aber jede einzelne wird dünn und kurz.

Gegossen wird durchdringend einmal pro Woche, in heißen Trockenphasen zweimal. Stroh- oder Grasschnittmulch hält den Boden gleichmäßig feucht und spart Gießwasser. Düngen ist nach der Kompostgabe im Frühjahr nicht mehr nötig. Wer mag, gibt im Juni eine Handvoll Brennnesseljauche-verdünnung — mehr braucht’s nicht.
Tabling — das Geheimnis sauberer Rispen
Wenn die Pflanze blüht und die Samen anfangen zu reifen, knicken viele Garteneuropäer den Halm zwischen erster und zweiter Internode horizontal um, sodass die Rispe kopfüber hängt. Diese Technik heißt im englischen Sprachraum tabling und stammt von US-amerikanischen Besenmais-Bauern. Sie hat einen praktischen Grund: die Rispe trocknet im stehenden Halm schwer gleichmäßig durch, weil sich an der Spitze Samen und Schwere stauen.

Hängt sie kopfüber, fließt Saft und Restwasser aus dem Halm in die Rispe und wieder raus, die Borsten richten sich beim Trocknen gerade aus, und die Reinigung später ist einfacher. Wer Besenmais nur zur Dekoration anbaut, kann das tabling weglassen — fürs Besenbinden lohnt es sich.
Ernte im Oktober
Der richtige Erntezeitpunkt liegt bei Samen, die fest, aber noch nicht steinhart sind. Drück ein Korn mit dem Daumennagel — gibt es noch leicht nach, ist es soweit. Komplett reife Samen lassen die Rispe spröde werden, und beim ersten Wischen mit dem fertigen Besen bricht die Borste ab.

Schneide an einem trockenen, sonnigen Tag mit einer scharfen Astschere etwa zwanzig Zentimeter unter der Rispe, am ersten Knotenpunkt. Streif die Hüllblätter sofort ab — sie schimmeln sonst auf den Halmen. Sammle 15 bis 20 Halme zu einem losen Bündel, am dicken Ende mit Bindfaden lose zusammengefasst, damit Luft durchziehen kann.
Trocknen ohne Schimmel
Häng die Bündel kopfüber in einen luftigen, schattigen Raum — ein gut belüfteter Holzschuppen oder Dachboden ist ideal. Direkte Sonne bleicht die Farbe aus, feuchte Garagenluft führt zu Stockflecken. Faustregel: wenn du im Raum Wäsche aufhängen würdest, wird auch dein Besenmais trocken.

Die Trocknung dauert drei Wochen, bei hoher Luftfeuchte auch vier. Die Rispe ist fertig, wenn die Borsten raschelnd federn und der Halm beim Biegen knackt statt zu reißen. Klopf die Samen über einem Tuch aus — sie taugen als Vogelfutter für Meisen und Finken oder als Saatgut für nächstes Jahr (Sortenreinheit ist bei Selbstbestäuber Sorghum erstaunlich stabil).
Aus den Rispen einen Besen binden
Such dir einen geraden Haselstock von 100 bis 130 cm Länge als Stiel — Haselnuss biegt nicht und ist leicht. Lege fünf bis acht Rispen mit den Borsten nach unten um das untere Stielende, sodass die Halmenden etwa zehn Zentimeter überstehen. Mit Sisalkordel oder ungewachsenem Hanfgarn wickelst du straff in engen Windungen oberhalb der Borsten und schlägst am Ende ab.

Kürze die Halmenden mit einer Astschere bündig auf einen Zentimeter über der Wicklung und beschneide die Borstenspitzen mit einer scharfen Gartenschere gerade. Wer mag, taucht den fertigen Besen kurz in warmes Wasser und presst ihn unter ein Brett — das richtet die Borsten und macht ihn formstabil. Für einen Stubenbesen reichen zwei Rispen, für einen Hofbesen brauchst du sechs bis acht.
Sorten und Bezugsquellen
Im deutschsprachigen Saatguthandel findest du Besenmais selten unter eindeutigem Sortennamen — meist läuft er als „Besenmais“ oder „Besenhirse“. Bingenheimer Saatgut führt eine bewährte hohe Standardsorte (ca. 2,5 m). ReinSaat aus Österreich hat zeitweise „Apache Red“ mit dunkelroten Rispen im Programm, der hervorragend für Herbstdeko taugt. Dreschflegel und einige Saatgut-Tauschbörsen bieten alte Hauswald-Linien an.

Für kleine Gärten lohnt sich eine niedrige Whisk-Variante mit 120–150 cm Wuchshöhe — sie liefert kürzere Rispen, ideal für Handfeger und kleine Stubenbesen, und kippt nicht so leicht im Wind. Wer es bunt mag, sät eine Mischung aus heller und dunkler Sorte gemischt aus und bindet später bunte Besen oder gemischte Sträuße. Saatgut aus eigener Ernte kannst du problemlos drei Jahre lagern, danach lässt die Keimfähigkeit deutlich nach.
