Die Eisheiligen sind durch, das Tomatenbeet steht, die Bohnen quellen — und plötzlich kommt das Gefühl, das Saat-Fenster sei zugegangen. Ist es nicht. Zwischen Mitte Mai und Mitte Juni öffnet sich noch einmal eine vier- bis sechswöchige Phase, in der eine Reihe schnell wachsender, kühlebevorzugender Gemüse direkt ins Beet gehen können. Sie sind reif, bevor die Augusthitze kommt — und füllen den Lücken-Wochen zwischen dem letzten Frühjahrs-Salat und der ersten Tomate.
Voraussetzung: Boden über 8 °C, regelmäßig feucht zu halten, und eine realistische Erwartung an die Aussaatfähigkeiten. Manche Klassiker (Spinat, Kopfsalat) machen im Mai keinen Sinn mehr. Andere (Radieschen, Pak Choi, Pflücksalat) zünden gerade jetzt.
Was „spät“ bedeutet — Eisheiligen und das Saatfenster

Die Eisheiligen (Mamertus 11.5., Pankratius 12.5., Servatius 13.5., Bonifatius 14.5., Sophie 15.5.) markieren in DACH den klimatischen Übergang vom Frühling zum Sommer. Statistisch ist nach dem 15. Mai das Risiko späten Bodenfrosts gering. Genau ab diesem Punkt geht es bei den meisten kälteempfindlichen Sommerkulturen (Tomate, Paprika, Bohne, Gurke) los — und genau ab diesem Punkt steht die direkte Saat einer ganzen Gruppe kühlebevorzugender Gemüse unter Zeitdruck.
Der Grund: Sobald die Tagestemperaturen verlässlich über 22 °C liegen und die Nächte nicht mehr unter 12 °C fallen, schießen Salat, Spinat, Mangold, Rauke. „Schießen“ heißt: die Pflanze bildet einen Blütentrieb, die Blätter werden bitter und faserig. Bei vielen Sorten beginnt das ab Tag 30 bis 40 — also wer noch im Mai sät, muss vor diesem Schießen ernten.
Faustregel: Sortenwahl mit 30 bis 60 Tagen Kulturzeit, früh morgens säen, gleichmäßig wässern, möglichst halbschattigen Standort wählen.
Im Süden und Westen Deutschlands (Weinbauklima Pfalz, Baden, Mosel, Bodensee) endet das Fenster etwa Anfang Juni. In Norddeutschland, Mittelgebirgen und im Alpenvorland gewinnst du bis zu zwei Wochen Reserve, weil der Sommer milder bleibt. In jeder Region gilt: jetzt aussäen, später ist später.
Radieschen — 20 bis 30 Tage zur Ernte

Das schnellste Gemüse im deutschen Garten. Drei bis vier Wochen vom Korn bis zum Biss, fast bei jedem Wetter. Die Bedingungen für Mai-Aussaaten:
- Standort: halbschattig wird besser als vollsonnig, weil die Knollen sonst hohl werden.
- Boden: locker, humos, nicht frisch gedüngt — Stickstoffüberschuss treibt Blätter statt Knollen.
- Saattiefe: 1 cm, Reihenabstand 10 cm, Abstand in der Reihe 3 bis 4 cm.
- Wasser: gleichmäßig feucht. Trockenphasen → scharfes Aroma; Wechsel feucht-trocken → geplatzte Knollen.
Im Mai-Beet werden vor allem die runden Sorten „Rudi“, „Cherry Belle“ und „French Breakfast“ empfohlen. Wer alle 10 bis 14 Tage ein Saatband nachzieht (Staffelsaat), erntet bis Anfang Juli durchgehend. Ab Mitte Juli wird es vielen Sorten zu warm — dann pausieren bis August.
Mischkultur-Tipp: Radieschen säst du am besten zwischen die Möhrenreihen. Die Radieschen sind weg, bevor die Möhren Platz brauchen, und markieren beim Auflaufen die noch nicht sichtbaren Möhren-Reihen.
Mairübchen — die zartere Schwester der Speiserübe

Mairübchen (auch Salatrübe, japanische weiße Rübe, Brassica rapa var. majalis) sind die zarte, mild-süße Variante der klassischen Speiserübe. In 45 bis 60 Tagen reif, fingerlang oder tennisball-groß, je nach Sorte.
Praktisch geht das so:
- Saatfenster: April bis Anfang Juni; im Mai die ergiebigste Phase.
- Saattiefe: 1 bis 2 cm, Reihenabstand 25 cm, in der Reihe später auf 6 bis 8 cm verziehen.
- Standort: sonnig bis halbschattig, kühler ist besser. Wer Schatten von Pflücksalat oder Erbsen daneben hat, erntet zarter.
- Sorten: „Hakurei“ (japanische Kreuzung, fast roh essbar), „Mairübchen Goldball“ (klassisch goldgelb), „Snowball“ (rund, weiß, eher mild).
Du erntest sie klein und früh — sobald die Knolle 4 bis 6 cm Durchmesser hat. Größer geschossene Rüben werden holzig. Die jungen Rübenblätter sind essbar wie Mangold und schmecken ähnlich.
Roh in dünne Scheiben geschnitten zu Brot oder im Salat, kurz gedünstet mit etwas Butter und Schnittlauch, oder mit-eingekocht in einer Frühjahrs-Brühe. Mairübchen sind eines der wenigen Gemüse, das so jung geerntet einen eigenen, leicht süßen Charakter hat.
Rote Bete — Blätter und Knollen aus einer Saat

Rote Bete ist eine Doppelernte-Pflanze: erst nutzt du die rot geaderten Blätter wie Mangold, später die Knollen. Mai-Aussaat funktioniert problemlos, weil die Hauptkultur sich bis Oktober Zeit lässt.
- Saatfenster: April bis Mitte Juli; Mai-Aussaaten sind reif Ende August/September.
- Saattiefe: 2 bis 3 cm, Reihenabstand 30 cm, später auf 8 bis 10 cm in der Reihe verziehen.
- Standort: sonnig, lockerer humoser Boden mit pH 6,5–7,5. Nicht auf frisch gedüngten Flächen — sonst Nitrat-Anreicherung.
- Wasser: regelmäßig, vor allem in der ersten Wachstumsphase.
Saatgut-Trick: Was als „ein Samen“ verkauft wird, ist eigentlich ein Knäuel aus 2 bis 4 Embryonen. Das heißt: aus jedem Korn werden mehrere Pflanzen. Verziehen ist Pflicht, sonst werden die Knollen klein.
Sorten für DACH: „Detroit Round“ (klassisch rund), „Tonda di Chioggia“ (rot-weiß geringelt), „Burpee’s Golden“ (gelb, milder im Geschmack), „Cylindra“ (länglich, gut zum Einlegen).
Die Blätter kannst du ab Wochen 4 bis 5 ernten — die äußeren wegnehmen, das Herz stehen lassen. Sie schmecken wie Mangold und sind eine willkommene Alternative, wenn der eigene Mangold noch braucht.
Pak Choi — Asia-Kohl mit Sommertempo

Pak Choi (Brassica rapa subsp. chinensis) ist der zuverlässigste Asia-Kohl für späte Aussaaten. In 45 bis 60 Tagen ein voller Kopf, der weiße Stiele und dunkelgrüne Blätter kombiniert. Im Wok, gedünstet oder roh als Salat — sehr wandelbar.
- Saatfenster: April bis Mitte August. Mai-Aussaaten profitieren von Halbschatten.
- Saattiefe: 1 cm, Reihenabstand 25–30 cm, Pflanzabstand 15 cm.
- Standort: halbschattig oder unter höheren Nachbarn (zum Beispiel zwischen Mais oder Stangenbohnen). Vollsonne im Hochsommer = schießen.
- Wasser: gleichmäßig, nicht von oben. Wasser in der Pflanzen-Mitte fördert Fäulnis.
Sorten: „Joi Choi“ (klassisch weißstielig, robust), „Toy Choi“ (kleiner, perfekt für Einzelportionen), „Mei Qing Choi“ (zart, schnell).
Geerntet wird die ganze Pflanze kurz über der Wurzel. Das Herz schiebt manchmal nach, aber meist lohnt sich eine Staffelsaat alle 3 Wochen mehr als das Warten auf den zweiten Schnitt.
Schädling Nr. 1: der Erdfloh. Die kleinen schwarzen Käfer lochen die Blätter sieb-artig. Schutz: feinmaschiges Insektennetz ab Aussaat, Boden feucht halten, Mulchen mit Rasenschnitt.
Pflücksalat — schneiden statt rupfen

Kopfsalat im Mai? Eher nicht — bei steigender Hitze schießt er meist, bevor sich der Kopf schließt. Pflücksalat dagegen läuft im Mai voll auf, weil man die einzelnen Blätter laufend erntet, bevor die Pflanze überhaupt an Blühen denkt.
- Saatfenster: März bis August in Staffeln. Mai ist Hauptsaison.
- Saattiefe: nicht bedecken (Lichtkeimer), nur leicht andrücken. Reihenabstand 25 cm, später auf 15 cm verziehen.
- Standort: halbschattig, vor allem ab Juni unter einem Schattiernetz oder zwischen höheren Pflanzen.
- Wasser: täglich kleine Mengen oder zweitägig größere — Hauptsache, der Boden trocknet nicht aus.
Bewährte Sorten für späten Mai: „Lollo Bionda“ / „Lollo Rossa“ (gekraust, mild), „Schnittsalat Gentilina“ (Eichenblatt, langsam schießend), „Forellenschluss“ (gesprenkelt, klassisch). Wer eine bunte Schale am Tisch will: Salat-Mischungen mit 6 bis 8 verschiedenen Sorten sind das einfachste Mittel.
Pflück-Methode: jeweils nur die äußeren Blätter ernten, das Herz stehen lassen. Aus einem Saatband bekommst du vier bis sechs Schnitte in acht Wochen. Wenn die Pflanze einen Stiel hochschiebt, ist sie fertig — ausziehen, kompostieren, neuer Streifen.
Rucola — scharfe Blätter in vier Wochen

Rucola im Mai ist heikel: wird es zu warm zu schnell, schießt er in 4 Wochen. Mit Halbschatten, gleichmäßigem Wasser und einer schoss-resistenten Sorte klappt es trotzdem. Die Pflanze gibt dir dafür 20 bis 30 Tage bis zur ersten Ernte und reicht in der Küche von Pizza bis Pesto.
- Saatfenster: März bis Mai, dann Pause, dann ab Mitte August. Im Mai-Saatfenster auf „Slow Bolt“ oder wilde Rauke (Diplotaxis tenuifolia) zurückgreifen — beide schießen deutlich später.
- Saattiefe: 0,5 cm, Reihenabstand 15 cm.
- Standort: halbschattig im Mai. Tomate, Bohne oder Erbse als Schattenspender funktionieren gut.
- Wasser: gleichmäßig, am liebsten morgens. Trockenstress = sofort bitter.
Pflück-Trick identisch zum Salat: nur die äußeren Blätter, das Herz steht. Bei wilder Rauke wächst die Pflanze mehrjährig, in milden Lagen überwintert sie sogar.
Wenn du mehr Tiefe willst — Sortenvergleich, Schädlingsabwehr, Saatgut selbst gewinnen — schau in unseren ausführlichen Rucola-Ratgeber rein. Dort sind alle Sorten und der Erdfloh-Schutz detailliert beschrieben.
Kohlrabi — die Knolle für den Hochsommer

Kohlrabi ist der schnellste Kohl: 8 bis 10 Wochen vom Korn zur Erntereife, sortenabhängig auch nur 6 bis 7. Mai-Aussaaten reifen im Juli und August — perfekt für die Grillsaison.
- Saatfenster: März (Vorkultur) bis Anfang August (Direktsaat). Mai = Direktsaat ins Beet.
- Saattiefe: 1 bis 2 cm, Reihenabstand 30 cm, in der Reihe auf 25 cm verziehen.
- Standort: sonnig bis halbschattig, lockerer humoser Boden, gerne mit Kompost.
- Wasser: gleichmäßig — Kohlrabi ist ein Wechsel-feucht-trocken-Hasser. Geplatzte Knollen sind fast immer eine Wasser-Geschichte.
Sorten: „Lanro“ (weiß, klassisch, robust), „Azur Star“ (violett, optisch eine Bereicherung), „Superschmelz“ (kann bis 5 kg schwer werden, ohne holzig zu werden — gut für Kohlrabi-Liebhaber).
Geerntet wird, wenn die Knolle handflach-groß ist (etwa 8–12 cm Durchmesser, je nach Sorte). Größer geernteter Kohlrabi ist meist holzig. Die jungen Blätter kannst du wie Mangold zubereiten — sie schmecken milder als die Knolle.
Mischkultur: Kohlrabi steht sehr gut neben Salat, Sellerie, Erbsen und Roter Bete. Vermeide andere Kreuzblütler (Brokkoli, Wirsing, Grünkohl) am gleichen Platz — Kohlhernie-Risiko.
Was du jetzt nicht mehr säen solltest

Genauso wichtig wie die Liste der „Geht noch“ ist die Liste der „Geht nicht mehr“. Wer im Mai diese Pflanzen aussät, erntet meist nichts oder etwas Bitteres:
- Spinat: braucht Tagestemperaturen unter 18 °C, schießt im Mai fast garantiert. Für die Herbstaussaat ab Ende August aufheben.
- Kopfsalat (klassische Köpfe wie Eissalat, Butterkopf): schließt den Kopf nicht zuverlässig, weil die Temperaturen zu schnell steigen. Pflücksalat (siehe oben) statt Kopf.
- Asiatische Senfblätter / Mizuna: gleiches Problem wie Spinat — schießt sofort.
- Erbsen (Markerbsen, Zuckerschoten, Schalerbsen): brauchen kühles Wetter und feuchte Böden. Mai-Aussaaten geraten oft in die ersten heißen Wochen — Ernte mickrig. Wer es probiert: möglichst noch in den ersten Mai-Tagen säen, nicht später.
- Petersilie, Kerbel: keimen sehr langsam (3–4 Wochen) und vertragen Hitze in der Keimphase schlecht. Frühjahrsaussaat oder Herbst.
- Kohlrabi-Hauptsorten in heißen Lagen: in Weinbau-Gegenden ab Mitte Mai problematisch — dort lieber Sorten mit Schoss-Toleranz oder Pause bis August.
Saisonal richtig: das ist im Mai keine Aussaat-Pflicht-Liste, sondern eine Strategie. Für den Sommer-Hauptanbau gehören Bohnen, Mais, Kürbis, Gurken und Tomaten ins Beet — die brauchen jetzt die Wärme. Die kühlebevorzugenden Kandidaten wie Spinat und Kerbel kommen ab Ende August wieder.
Häufige Fragen
Wie spät kann ich noch Mai-typische Gemüse säen?
Faustregel: bis zwei Wochen vor dem ersten verlässlichen 25-°C-Tag in deiner Region. In Norddeutschland kann das Anfang Juni sein, in der Pfalz schon Ende Mai. Wer im Zweifel sät, sät — die Saatkosten sind gering, der Versuch ist günstig.
Reicht Halbschatten wirklich aus für gute Erträge?
Ja, für die hier genannten Gemüse. Volle Sonne bekommt im Mai/Juni das Tomatenbeet — die kühlebevorzugenden Kulturen sind im Halbschatten oder unter höheren Nachbarn (zwischen Stangenbohnen, neben Tomaten) zufriedener.
Brauche ich für späte Aussaaten besondere Sorten?
Bei Salat, Rauke und Spinat lohnt sich der Hinweis „schoss-fest“ oder „slow bolt“ auf dem Saatguttütchen. Bei Radieschen, Mairübchen und Kohlrabi spielt das keine große Rolle, weil sie schneller reifen als sie schießen können.
Was tun, wenn doch noch Frost kommt?
Im Mai sehr unwahrscheinlich, aber möglich. Eine Vlies-Abdeckung über Nacht reicht für die hier genannten Kulturen aus. Tomaten und Bohnen brauchen mehr Schutz — die werden im Mai ohnehin meist mit Vlies oder Folie gestartet.
Kann ich diese Gemüse auch im Kübel auf dem Balkon säen?
Alle acht (Radieschen, Mairübchen, Rote Bete, Pak Choi, Pflücksalat, Rucola, Kohlrabi) funktionieren im Kübel. Ausreichend tief muss er sein: für Radieschen reichen 15 cm, für Rote Bete und Kohlrabi solltest du 30 cm Tiefe einplanen. Wichtig: gleichmäßige Feuchte, weil Töpfe schneller austrocknen als Beete.
Lohnt sich Vorkultur im Mai noch?
Für Pak Choi und Kohlrabi: ja, wenn das Beet noch nicht frei ist. 3 Wochen Vorkultur auf der Fensterbank oder im Frühbeet, dann ins Beet pflanzen. Bei den anderen sechs Kandidaten ist Direktsaat einfacher und schneller.
Quellen und weiterführende Infos
- Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL): Saatkalender Gemüsegarten.
- VEN e. V.: Saatgutsorten für die späte Aussaat.
- Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau: Hausgarten-Empfehlungen Mai/Juni.
- Mein schöner Garten: Direktsaat-Kalender für Gemüse.
- Plantopedia: Sortenvergleich Schnellwachser.
- Rucola anbauen: in 4 Wochen scharfe Blätter ernten — Aussaat, Pflege, Sorten
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