Krankheiten & Schädlinge

Ohrwürmer im Garten: Nützling mit kleinen Macken

Ohrwürmer sehen bedrohlich aus, sind aber vor allem Blattlaus-Jäger. Wann du sie tolerierst, wann du sie umsiedelst und wie du empfindliche Pflanzen schützt.

AVon AlexZuletzt aktualisiert: 29. August 20266 Min Lesezeit
Ohrwürmer im Garten: Nützling mit kleinen Macken

Kaum ein Gartentier hat einen so schlechten Ruf bei so wenig Grund wie der Ohrwurm. Die Zange am Hinterleib lässt viele zusammenzucken, und der Name klingt, als würde das Tier nachts in Ohren kriechen. Beides führt in die Irre. Ohrwürmer sind in erster Linie fleißige Blattlaus-Jäger — und nur an ein paar wenigen Stellen im Garten machen sie Ärger. Wer weiß, wo diese Stellen liegen, kann sie gezielt schützen und den Rest des Gartens von einem gratis Nützling profitieren lassen.

Ohrwürmer: Nützling mit kleinen Macken

Ein Ohrwurm sitzt auf einem Pflanzenstängel dicht neben einer kleinen Gruppe Blattläuse.
Auf der Jagd nach Blattläusen ist der Ohrwurm einer der fleißigsten Helfer im Beet.

Der Gemeine Ohrwurm (Forficula auricularia) ist ein Allesfresser mit klarem Nutzen-Überschuss. Er räumt abgestorbene Pflanzenreste weg, beschleunigt die Rotte im Kompost und jagt nachts Blattläuse, Spinnmilben, kleine Raupen und Insekteneier. In einem obstbaumreichen Garten gehört er zu den wichtigsten Gegenspielern der Blattlaus, noch bevor Marienkäfer und Florfliegen richtig loslegen.

Die berüchtigte Zange ist keine Waffe gegen Menschen. Ein Ohrwurm greift damit Beute und verteidigt sich gegen Fressfeinde — kneift er dich doch einmal, spürst du kaum etwas. Und in Ohren kriecht er auch nicht: Der Name stammt aus alten Volksglauben, nicht aus dem Verhalten des Tieres. Wer einen Ohrwurm findet, hat also selten einen Grund, ihn zu töten.

Wie Ohrwürmer leben

Ein Ohrwurm versteckt sich in der dunklen Spalte unter einem Stück Baumrinde auf feuchtem Boden.
Tagsüber zieht sich der Ohrwurm in enge, feuchte Verstecke zurück.

Ohrwürmer sind nachtaktiv und lichtscheu. Tagsüber ziehen sie sich in enge, feuchte, dunkle Verstecke zurück: unter Rindenstücke, Mulch, Laub, Steine, Blumentöpfe oder in beschädigte Früchte. Erst in der Dämmerung kommen sie hervor. Genau dieses Versteckverhalten machst du dir später beim Umsiedeln zunutze.

Bemerkenswert ist die Brutpflege — eine Seltenheit unter Insekten. Das Weibchen überwintert in einer kleinen Erdhöhle, treibt im Frühjahr das Männchen aus dem Nest und bewacht seine Eier, dreht und putzt sie gegen Schimmel und füttert sogar die frisch geschlüpften Larven. Bis zum Hochsommer sind die Jungtiere ausgewachsen. Ein warmer, feuchter Frühling nach einem milden Winter lässt die Bestände darum stark ansteigen: Mehr Tiere überleben, mehr Eier schlüpfen, und alles geht schneller.

Was Ohrwürmer wirklich fressen

Ein Ohrwurm greift mit seiner Zange Blattläuse an einem Rosentrieb und frisst sie.
Blattläuse, Milben und Insekteneier stehen ganz oben auf dem Speiseplan.

Der größte Teil der Nahrung ist harmlos bis nützlich: abgestorbenes Pflanzenmaterial, Algen, Pilze und vor allem andere Insekten. Auf dem Speiseplan stehen Blattläuse, Schildläuse, Milben, kleine Raupen und Insekteneier — auch die Eier des Apfelwicklers, der sonst wurmstichige Äpfel verursacht. In dieser Rolle ist der Ohrwurm ein echter Verbündeter im biologischen Pflanzenschutz.

Der Haken: Ist die tierische Kost knapp oder die Population sehr groß, geht der Ohrwurm auch an lebendes, weiches Pflanzengewebe. Dann knabbert er an zarten Keimlingen, jungen Trieben und weichen Blättern. An älteren, robusten Pflanzen bleibt der Schaden meist kosmetisch — ausgefranste Löcher und angefressene Blattränder, mit denen die Pflanze gut zurechtkommt.

Wo Schaden entsteht — und wo nicht

Eine Dahlienblüte und eine reife [Erdbeere](/pflanzen/obst-beeren/erdbeeren/) mit ausgefransten Fraßlöchern und kleinen Fraßgängen.
An weichen Früchten und Blüten wird aus dem Helfer schnell ein Störenfried.

Wirklich ärgerlich wird der Ohrwurm nur an wenigen, klar umrissenen Stellen. Weiches Obst wie Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Aprikosen und Pfirsiche ist sein Lieblingsziel — hier frisst er tiefe Gänge, die die Frucht unbrauchbar machen. An Dahlien, Zinnien, Tagetes und Hosta zerlegt er Blüten und Blätter, was im Zierbeet auffällt. Und frisch gepflanzte Sämlinge kann er über Nacht so stark schädigen, dass sie nicht durchstarten.

Überall sonst gilt: einfach tolerieren. Ein paar Löcher an einer kräftigen Staude, im Kompost oder unter der Mulchschicht sind kein Grund für Gegenmaßnahmen — im Gegenteil, dort arbeitet der Ohrwurm für dich. Bekämpfe ihn nie flächig, sondern immer nur punktuell an den Pflanzen, die tatsächlich leiden. Ein giftfreier Garten lebt davon, dass Nützlinge bleiben dürfen.

Ohrwürmer gezielt umsiedeln statt bekämpfen

Ein umgedrehter Tontopf voller Stroh hängt kopfüber an einem Stab in einem Apfelbaum.
Der Ohrwurmtopf ist Quartier und Umzugshelfer in einem.

Der eleganteste Trick nutzt das Versteckverhalten aus: der klassische Ohrwurmtopf. Stopf einen kleinen Tontopf mit Stroh oder Holzwolle, dreh ihn um und häng ihn kopfüber an einem Stab so in Zweignähe, dass Stroh und Ast sich berühren. Tagsüber kriechen die Ohrwürmer als Quartier hinein — und du entscheidest, was daraus wird.

Zwei Wege sind sinnvoll. Hängt der Topf in einem blattlausgeplagten Obstbaum oder Rosenstrauch, lässt du die Tiere einfach dort und freust dich über die nächtliche Blattlaus-Jagd. Willst du sie dagegen von Erdbeeren oder Dahlien fernhalten, nimm den besetzten Topf am Tag ab und trag ihn an eine unkritische Stelle — an einen befallenen Baum am Gartenrand oder in die Wildecke. So löst du das Problem, ohne ein einziges Tier zu töten. Alte Wellpappe-Rollen, Bambusröhren oder ein zusammengerolltes Stück Zeitung tun denselben Dienst, wenn du sie abends neben die gefährdete Pflanze legst und morgens einsammelst.

Empfindliche Pflanzen schützen

Junge Gemüsesämlinge in einem [Hochbeet](/garten/hochbeet/) sind mit weißem, leichtem Insektenschutzvlies abgedeckt.
Ein Vlies lässt Licht und Wasser durch und hält knabbernde Insekten fern.

An den paar heiklen Kulturen hilft vorbeugender Schutz mehr als jede Falle. Junge Sämlinge deckst du mit einem leichten Insektenschutzvlies ab, bis sie kräftig genug sind, um Knabberei wegzustecken — die Ränder gut mit Erde beschweren, sonst kriechen die Tiere darunter. Ist die Pflanze etabliert, kann das Vlies wieder weg.

Rund um Erdbeeren und Obst nimmst du den Ohrwürmern die Tagesverstecke: Laubhaufen, Bretter, dichte Bodendecker und alte Mulchreste direkt an den Pflanzen entfernen, Töpfe auf Füße stellen, damit es darunter trocken bleibt. Reife Früchte zügig ernten, statt sie hängen zu lassen. An Obstbäumen hält ein Leimring am Stamm kriechende Tiere vom Aufstieg ab. Und wo eine Population wirklich explodiert, hilft ein simpler Köder: eine flache Dose, zu einem Fingerbreit mit Öl und einem Tropfen Sojasauce gefüllt, ebenerdig eingegraben neben die betroffene Pflanze — regelmäßig leeren und neu befüllen.

Natürliche Gegenspieler fördern

Ein Rotkehlchen sitzt auf einem Gartenzaun und blickt hinunter auf ein Blumenbeet.
Vögel, Kröten und Igel halten die Ohrwurm-Bestände ganz von allein im Zaum.

Am wenigsten Arbeit hast du, wenn der Garten die Ohrwürmer selbst reguliert. Vögel durchsuchen tagsüber die Verstecke und fressen die Tiere samt Larven — mit einer Vogeltränke, ein paar Nistkästen und dichten Sträuchern als Ansitz holst du sie in den Garten. Kröten, Igel und Spinnen räumen nachts mit auf, wenn sie Unterschlupf finden.

Ein naturnaher Garten pendelt sich so von selbst ein: Wo genug Fressfeinde leben, wird aus einer Ohrwurm-Population selten eine Plage. Das ist der Grund, warum flächiges Bekämpfen langfristig nach hinten losgeht — es trifft die Gegenspieler mit und beraubt dich der Gratis-Kontrolle. Vielfalt im Beet ist der beste Schädlingsschutz.

Wenn Ohrwürmer ins Haus kommen

Ein einzelner Ohrwurm krabbelt über eine hölzerne Fensterbank in der Nähe der Rahmenecke.
Im Haus ist der Ohrwurm nur ein verirrter Gast ohne Schadpotenzial.

Verirrt sich ein Ohrwurm in die Wohnung, ist das kein Grund zur Sorge. Er richtet keinen Schaden an, geht nicht an Vorräte und vermehrt sich drinnen nicht — er sucht nur ein feuchtes Versteck und hat sich verlaufen. Einzelne Tiere kehrst du auf oder saugst sie ab und setzt sie wieder nach draußen.

Tauchen immer wieder welche in Keller, unter Spülen oder in feuchten Ecken auf, such die Eintrittsstellen: Ihr flacher Körper passt durch schmale Ritzen. Dichte Fensterrahmen, Fußleisten und Türschwellen ab und räum draußen die Verstecke direkt an der Hauswand weg — Laub, Brennholz und Gerümpel wegrücken, im Herbst die Regenrinne von Laub befreien. Dann bleibt der Ohrwurm da, wo er hingehört: als nützlicher Jäger im Garten.

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